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Erfolgsgeschichten


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3 Fragen an Denis Thériault, Autor


Denis Thériault
Denis Thériault - courtoisie

Im Rahmen des Quebec-Bayern Austausches waren Sie im Herbst 2010 einer der Schriftsteller, die in der Villa Waldberta in München wohnten. Welchen Einfluss hatte dieser Aufenthalt auf Ihr Werk?

Einen sehr großen! Als Schrifsteller bin ich immer auf der Suche nach Inspiration, neuen Erfahrungen, die meine Arbeit bereichern, und natürlich auch Zeit. Das Schreiben von Romanen ist ein ständiger Kampf gegen die Zeit, die viel zu schnell vorbei fliegt - ein langfristig mühsames Projekt, das schwer durchzuführen ist, wenn man andauernd von alltäglichen Dingen unterbrochen und abgelenkt wird. Dank der Konzentration und Inspiration und der so kostbaren Zeit, die ich in der Villa Waldberta in Bayerns bezaubernder Herbstzeit finden konnte, habe ich mich 3 Monate lang ganz dem Schreiben meines neuen Romans widmen können.

Villa WaldbertaDie Villa selber ist ein besonderer Ort voller Geschichte - perfekt für intellektuelle Arbeit und Zusammenkünfte. Ich habe dort die Bekanntschaft mit vielen internationalen Künstlern aus den verschiedensten Bereichen gemacht, mit denen ich mich auf eine bereichernde Weise austauschen konnte. Ich habe dort mehrer Freunde gefunden, mit denen ich jetzt noch in regem Kontakt stehe.

Ich habe meine Reise nach Bayern sehr genossen, vor allem München - eine Stadt, in die ich mich sofort verliebt habe. Folglich habe ich begonnen, einen Roman zu schreiben, der sich hauptsächlich in München abspielt. Allerdings muss ich für einige Recherchen nochmals dorthin zurückkehren. Gerade bin ich dabei eine Reise nach Bayern für kommenden November zu planen, sodass ich bei der Veröffentlichung meines neuen Romans in seiner deutschen Fassung anwesend sein kann. Das ist mein dritter bei dem Verlag DTV.

Was sind Ihre Eindrücke von dem Büchermarkt in Deutschland? Unterscheidet er sich in Ihren Augen sehr von dem in Quebec? Haben die Leser gemeinsame oder ganz andere Ansichten?

Der Markt ist in beiden Fällen hart, die Konkurrenz wild. Aber der Deutsche Markt, der demographisch gesehen viel weitläufiger ist, bevorzugt meiner Ansicht nach Veröffentlichungen mit eigenem Charakter, weniger kommerziell, die sich an ein zugespitztes Publikum richten. Ich finde es gewagt, die literarischen Geschmäcker der Deutschen und der Quebecer zu vergleichen: Das Risiko  ist groß, in einer gewaltigen Verallgemeinerung unterzugehen. Aber ich habe empfunden, dass wir eine lebhafte Neugier für ausländische Literatur teilen, im Allgemeinen eine große Weltoffenheit. 

Oft wurde ich zu der Beziehung von Quebec zu Kanada, den USA und auch Frankreich befragt. Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, dann einen kleinen Vortrag über die Geschichte Quebecs zu halten - eine Aufgabe, der ich mich wirklich gerne hingebe. Außerdem denke ich, dass es feine Unterschiede zwischen dem Literaturgeschmack der Deutschen und der Quebecer gibt. Als Beispiel möchte ich meinen zweiten Roman „Siebzehn Silben Ewigkeit(Le facteur émotif) nennen: In Deutschland wurde er sehr gut verkauft, in Quebec hingegen erfreute er sich nur eines Kritikererfolgs. Bei meinem ersten Roman „Das Lächeln des Leguans(L’iguane) war es dafür genau umgekehrt: In Quebec kam er sehr gut an, in Deutschland war der Erfolg widerum sehr gedämpft. Ich habe daraus gefolgert, dass die Sensibilität der Leser in den beiden Regionen leicht voneinander abweichen. Auf welche Weise? Schwer zu sagen. Vielleicht wird mir die Veröffentlichung meines dritten Romans „Mich gibt es nicht(La fille qui n’existait pas) diese Frage beantworten können?

Der Austausch zwischen Schriftstellern aus Bayern und Quebec existiert seid einigen Jahren. Haben Sie die Gelegenheit, an weiteren Begegnungen dieser Art teilzunehmen? Was wird Ihnen von Ihrem Aufenthalt in Bayern besonders in Erinnerung bleiben?

Ich hatte Gelegenheit, die bayerischen Autoren zu treffen, die im Rahmen dieses Austausches nach Montreal gekommen sind. Wir konnten unsere Erfahrungen austauschen. Für mich war es allerdings das erste mal, dass ich an einem solchen Austausch teilgenommen habe. Was mir von meinem Aufenthalt in Bayern bleibt? Eine Reihe von Emotionen und großartiger Momente intellektueller Befriedigung, eine sehr gute Meinung von Bayern und die unerwartete Feststellung der erstaunlichen Ähnlichkeit unserer Völker. Ich glaube, dass sich diese Verwandschaft durch diverse kulturelle und geographische Faktoren erklären lässt. Genau wie die quebecer Seele, sehe ich auch die bayerische Seele von einer Art „Nordizität“ geprägt. Wir teilen das Gefühl, "anders" zu sein, eine gewisse Unabhängigkeit in Bezug auf die Föderation, der wir angehören. Diese Gemeinsamkeit drückt sich aus bis hin zu kulinarischen Aspekten: die bayerische Küche, reichhaltig und großzügig, verwendet die gleichen Basiszutaten wie die quebecer Küche, und widmet sich einer ähnlichen ländlichen Tradition. Zusammenfassend kann man sagen, dass ich mich - bis auf die Sprache, von der ich noch weit entfernt bin, sie zu beherrschen - in Bayern zu Hause gefühlt habe.

Was mir bleibt, das sind Bilder, unvergessliche Empfindungen. Ein Sonnenaufgang über den Alpen und dem Starnbergersee, von meinem Balkon aus gesehen - Der vernebelte Marienplatz, als ich an einem Oktoberabend aus der S-Bahn stieg - Die Kinder, die am St-Martins Abend mit ihren Laternen durch die Straßen von Weilheim gezogen sind - Eine gute Tasse Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt - Eine fabelhafte Inszenierung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony“ im Prinz-Regenten-Theater am Gärtnerplatz - Das Spiegelzimmer von Ludwig II in Linderhof - Oberammergau unter der Sonne - Eine leckere heiße Schokolade in der Theatinerstraße - Eine Schüssel Schupfnudeln mitten in der Auer Dult an einem Sonntag Morgen - Der Gasthof Poelt in Feldafing - Die Gaststätte Brünnstein in der Nähe vom Ostbahnhof - Der spezielle Klang der deutschen Sprache, in den Mündern der Grundschulkinder charmant und so sexy in denen der Frauen...