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Erfolgsgeschichten



Drei Fragen an à Éric Dupont



Éric Dupont - photo Sarah Scott, courtoisie

Treffen mit dem Autor des Buchhändlerpreises 2013 in Québec, der seinen Roman "Die amerikanische Braut" z.T. während seiner Künstlerresidenz in der Villa Waldberta schrieb.

Ihr Roman „La Fiancée américaine“ („Die amerikanische Braut“) spielt sich nicht nur über mehrere Generationen hinweg ab, sondern spielt auch in mehreren Ländern. Sind Sie selbst viel gereist, um den Roman zu schreiben?

Das kann man wohl sagen. Sagen wir, dass ich an sich viel reise. Man sagt Autoren immer wieder, sie sollten sich darauf beschränken, die Dinge zu beschreiben, die sie kennen. Sagen wir, dass "La Fiancée américaine" in einer einzigen Erzählung mehrere Orte vereint, an denen ich entweder gelebt –Rivière du Loup, Toronto und Berlin – oder die ich bereist habe – Rom und New York. Ich habe sogar einen Umweg über Kaliningrad gemacht, eine auf den rauchenden Ruinen von Königsberg  gebaute, russische Stadt;  nur um zu wissen, woran ich war. Mit all den Schwierigkeiten, Scherereien und Eigenartigkeiten der russischen Provinz, bleibt diese letzte Reise eingebrannt in mein Gedächtnis. Im Übrigen musste ich allein dorthin, niemand hätte mich begleitet. Trotzdem ist es ein wirklich wunderschöner Ort. Die Architektur der Stadt ist eher gewöhnlich, sehr sovjetisch in ihrer Machart und mitunter schonungslos in ihrer Hässlichkeit. Aber die Natur, besonders auf der  Halbinsel Courlande, ist dort sehr schön. Dort kam mir die Idee des Zebras von Königsberg, was zeigt, dass ich nicht umsonst gereist war. Genau an dem Ort, wo sich der Zoo von Königsberg befand, gibt es Zebras –und Giraffen – in Kaliningrad. Es ist übrigens ziemlich komisch zu sehen, wie sich die Stadt Kaliningrad als „deutsches“  Touristenziel an Russen verkauft. Mit Ausnahme einiger verfallener Villen in den Küstendörfern und einem von Siemens gebauten Automkraftwerk hat der Ort nicht mehr viel Deutsches.

Gibt es etwas  – eine Person, eine Tradition, einen Ort… - aus aus Ihrer Familiengeschichte, das den Roman inspiriert hat? Haben die im Buch so wichtigen Brunchs dieselbe Bedeutung bei Ihnen?

Der Teil des Buches, der in Rivière-du-Loup spielt, wurde von Kindheitserinnerungen meiner Mutter inspiriert und angereichert durch Geschichten, die ich im Laufe der Zeit woanders gehört habe. Das Osterfrühstück war in der Familie Dupont von großer Bedeutung. Dieses Essen folgt nach einigen Stunden dem Ernten des Osterwassers, einer Tradition, die sich dank einem meiner Onkel fortsetzt. In meiner Heimat waren die Restaurants, die Frühstück anboten, immer überfüllt. Wir haben vor 12 Uhr immer reichlich gegessen. Die erste Sache, die mir aufgefallen ist, als ich mit 16 Jahren in Europa ankam, war die Gleichgültigkeit, mit der man das Frühstück betrachtete. Und ich war noch nicht einmal in Italien oder Frankreich gewesen, wo der Gedanke an eine richtige Mahlzeit vor 12 Uhr bis vor Kurzem eine wahrhafte Häresie war. So war der Gedanke, in ein Restaurant zu gehen, um dort am Morgen eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, für die Österreicher der 1980er Jahr ziemlich merkwürdig. Ich glaube, dass sich die Dinge ein wenig geändert haben. Eigentlich lassen ihre sehr großzügigen mittäglichen Portionen nur wenig Platz für andere Mahlzeiten. Das ist im Übrigen das große Drama der Madeleine Lamontagne [einer Protagonistin des Romans, Anm.], deren in Amerika blühendes Unternehmen es nie schaffen wird, einen Platz auf dem europäischen Gastronomiemarkt zu finden. Ihr Angebot kommt vier Stunden zu früh. Schlechte Kalkulierung. Vielleicht sollte sie ihrem Menu Würstchen hinzufügen? Schwarzbrot? Topfen? Doch Madeleine ist nicht für ihre Anpassungsfähigkeit bekannt.

War Ihr Roman bereit sehr weit vorangeschritten, als Sie sich in der Villa Waldberta aufhielten? Wussten Sie, worauf Sie hinauswollten? Oder ließ Sie dieser Aufenthalt einen unvorhergesehenen Weg nehmen? Kurz gesagt, wie hat der Aufenthalt Sie beeinflusst?

Ich begann zu schreiben, noch bevor ich meine Koffer in der Villa auspackte. Ich hatte einige Seiten und einen Plan bereits in Österreich, meinem vorherigen Aufenthaltsland, geschrieben. Erst gegen Ende meines bayerischen Aufenthalts habe ich begriffen, dass ich die Villa Waldberta in meinen Roman einbringen konnte. Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich auf diese Idee gekommen bin, da ich von Anfang an festgelegt hatte, dass die Erzählung in der Berlin-Königsberg-Achse bewegen sollte. Doch manchmal muss man sich von den Zwängen befreien, die man sich selbst auferlegt. In meinem Geist ließen sich Bayern und Königsberg schlecht mischen. Dies war aber ein Vorurteil, das sich schnell zerstreute, als ich darauf kam, dass alle in Bayern eine Schwiegermutter, eine Nachbarin, einen Gärtner oder einen Klavierstimmer haben oder kennen, der in Ostpreußen geboren oder ein Nachkomme von Überlebenden dieser verlorenen Provinz ist. Die Zebras von Königsberg galoppieren immer noch im Kollektivgedächtnis einiger Bayern. Letztendlich glaube ich nicht, dass ich es geschafft hätte, diesen Roman ohne den Aufenthalt in der Villa Waldberta zu schreiben. Ich hätte es vielleicht geschafft, aber das Ergebnis wäre nicht dasselbe gewesen.