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Erfolgsgeschichten



Die wissenschaftliche Kooperation zwischen Bayern, Québec und Alberta : vier Fragen an Dr. Florence Gauzy



Dr. Florence Gauzy, Wissenschaftskoordinatorin, Wissenschaftliche Koordinierungsstelle Bayern-Québec/Alberta/International, Bayerischen Forschungsallianz

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Forschern aus Bayern und Quebec ist einer der Eckpfeiler der bilateralen Kooperation, die die beiden Provinzen seit 1989 verbindet. Sie deckt zahlreiche wissenschaftliche Bereiche ab. Bei der Zusammenarbeit mit Alberta geht es hingegen hauptsächlich um Fragen zu Energie und Technologietransfer. Dr. Florence Gauzy, verantwortlich für die Wissenschaftliche Koordinierungsstelle Bayern-Québec/Alberta/International der Bayerischen Forschungsallianz, ist die zentrale Anlaufstelle für Wissenschaftler beiderseits des Atlantiks, die miteinander in Kontakt treten wollen. Darüber hinaus ist sie zuständig für die wissenschaftliche Kooperationsarbeit Bayerns mit seinen Partnerregionen: Oberösterreich, Shandong, São Paulo, Westkap, Georgien (US) und Québec.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Kooperation Bayern-Québec?

Meine Arbeit besteht hauptsächlich aus zwei Aufgaben: Zum Einen geht es darum, ambitionierte Forschungsprojekte zwischen den beiden Regionen je nach Interessenlage voranzutreiben. Es geht also darum, Ideen zu entwickeln, den Kontakt zwischen Personen oder Institutionen herzustellen, die sich nicht kennen, aber an ähnlichen Projekten arbeiten, es ihnen zu ermöglichen, sich zu treffen und ihnen im Rahmen eines Projektaufrufes, von dem ich Kenntnis habe, ein besonderes Projekt anzubieten. Erst kürzlich haben wir zum Beispiel gemeinsam mit unseren Quebecer Partnern eine Initiative ins Leben gerufen im Bereich der Neurowissenschaften im Alterungsprozess, welche darauf ausgerichtet ist, die Kenntnisse und die Früherkennung der Demenz zu verbessern. 

Zum Anderen besteht meine Aufgabe darin, Anfragen von Forschern zu beantworten, die bereits in der Vorbereitungsphase eines gemeinsamen Projektes sind und sich an mich wenden, damit ich sie mit den entsprechenden Institutionen in Verbindung bringe. In diesem Fall ist es noch vor der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten meine Aufgabe, eine Stellungnahme abzugeben: ich bewerte die Relevanz des Projektes (Expertise der Partner, Genauigkeit bei der Definition des Themas, realistische Einschätzung des benötigten Budgets in Hinblick auf das angestrebte Ziel, etc.), zudem die Aussichten auf Erfolg in Bezug auf den ursprünglichen Projektaufruf, und die Art von finanzieller Unterstützung, die wir anfragen. Diese kann von internationaler, europäischer, Bundes- oder lokaler Ebene kommen. Ein nicht zu vernachlässigender Teil meiner Arbeit besteht auch darin, die Unterlagen in der täglichen Verwaltung des Projektes zu begleiten, wenn die Mittel erstmal zur Verfügung gestellt wurden.

Wissen Sie auf Anhieb, welche Art von Projekt « gut laufen » wird? Haben Sie hierbei schon Überraschungen erlebt?

Man muss immer Kopf behalten, dass die internationale Konkurrenz mit der Höhe der angefragten Summe härter wird. Die Erfahrung in diesem Bereich bringt allerdings ein gutes Gespür mit sich. Ob ein Dossier vielversprechend ist, hängt von zahlreichen Kriterien ab. Hierbei geht es sowohl um die Zusammensetzung des Teams, als auch um den Arbeitsplan und die technischen, logistischen und personellen Mittel, die eingesetzt werden mit Hinblick auf das angestrebte Ziel, aber auch auf den möglichen Einfluss, den das Projekt auf unmittelbar nachfolgende Arbeiten haben könnte. Wenn mir auch all diese Kriterien einen relativ großen Handlungsspielraum für die Bewertung eines Projektes lassen, so ist doch der Dreh-und Angelpunkt immer noch die wissenschaftliche Exzellenz. Ich zögere nicht, die Partner um eine Überarbeitung der Unterlagen zu bitten :  sei es, um neue Partner zu finden, sei es um das Vorhaben besser zu definieren in Bezug auf den Inhalt des Projektaufrufes, auf den es sich bezieht. Wir können auch die Höhe der angefragten Summe ändern, falls das die Chancen einer finanziellen Unterstützung für ein bestimmtes Vorhaben verbessert… Das ist mein größter Trumpf: so wird eine Vertrauensbasis hergestellt. Im Allgemeinen bin ich sehr flexibel und offen für Gespräche, da der Austausch von Ideen zu neuen führt. Zudem ist es die Suche nach individuellen, maßgeschneiderten Lösungen, die die bestmöglichen Resultate hervorbringt.

Die schönste Überraschung, die ich je erlebt habe, war eine Finanzierung von mehreren Millionen Euro für TIRCON. Dieses gemeinsame Forschungsprojekt mehrerer Forschungsinstitutionen, das aus einer bilateralen Kooperation zwischen bayerischen und kanadischen Forschern stammte, befasste sich mit einem eher unvorhergesehenen, eher gegen den Zeitgeist gerichteten Thema: einer sehr seltenen Geisteskrankheit, die Kinder und Jugendliche betrifft. Wir waren daher hocherfreut zu erfahren, dass die Europäische Kommission unser ambitioniertes Forschungsprojekt unterstützt. Es war eine mutige Entscheidung von Seiten der Europäischen Union, ein solches Vorhaben in dieser Höhe zu finanzieren. Dies zeugt von der Weitsicht, die die Forscher bewiesen haben und von der Bedeutung dieses Projektes für die neurologische Forschung. 

Hat sich die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bayern und Québec im Laufe der Jahre verändert? In Hinsicht auf den Umfang, das Konzept, die betroffenen Bereiche…

Als ich 2007 angefangen habe hier zu arbeiten, fand die Kooperation immer fallweise statt. Wir haben Fragen von Forschungsteams beantwortet, die schon zusammengefunden hatten. Eine „Initiierung gemeinsamer Projekte“ kam erst nach einiger Zeit hinzu, da es sowohl auf bayerischer, als auch auf Québecer Seite Verhandlungspartner in den Ministerien gab, die sich außerordentlich gut verstanden und die gemeinsame Partnerschaft vorantreiben wollten. Mit dem Austausch und dem regelmäßigen Dialog, die unsere Zusammenarbeit ausmachen, entstand eine Art positiven Wettbewerbs, was zu sehr erfolgreichen transatlantischen Verbindungen geführt hat. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit dem Konsortium OURANOS, das seinen Sitz in Montréal hat, ist ein gelungenes Beispiel des intensiven jahrelangen Austausches. Das hat den Weg geebnet für verschiedene Forschungsprojekte über Auswirkung und Modellierung des Klimawandels auf das Öko- und Wassersystem.

Das Herzstück der wissenschaftlichen Kooperation Bayern-Québec sind die Bereiche der Spitzentechnologie im Dienst der Luft- und Raumfahrt, der Medizin (vor allem der Neurologie) und der Medizintechnik, neuer Materialien, der Umwelt und der Energieeffizienz. Für diese Projekte stellen wir interne Mobilitätsfonds für Forscher zur Verfügung und ersuchen auch bei anderen Regierungsbehörden um finanzielle Unterstützung.

Sie sitzen auch im Vorstand der ARIA, können Sie uns mehr darüber sagen?

ARIA ist die Alberta Research and Innovation Authority: ein konsultatives Komitee, eine Art „think tank“, das von der lokalen Regierung ins Leben gerufen wurde, um sie in ihrer Innovations- und Forschungspolitik zu beraten. Ich wurde 2010 als Spezialistin für internationale Forschungszusammenarbeit mit Erfahrung in öffentlicher Verwaltung hierfür nominiert. Der Vorstand setzt sich aus 9 anderen Mitgliedern zusammen, darunter nur 4 Kanadier. Wir kommen zweimal im Jahr zusammen um gemeinsam über den Kurs der Regierung zu diskutieren und Vorschläge zu diesem Thema vorzubringen. Die Überlegungen kreisen hauptsächlich um die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Diversifizierung: unsere Aufgabe besteht darin, neue Arbeitsbereiche für Alberta zu definieren und voranzutreiben und Mittel und Wege der Finanzierung zu finden.